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Heimat? "It’s magic. It's a feeling"

Minnesota - der siebente Staat meiner Reise, 6832 Kilometer von Lübeck entfernt, und auf eine Postkarte hätte man früher geschrieben: "Essen gut, Wetter gut, nette Leute hier". 

Nur: Die Zeit bleibt ein Problem: Sie reicht nicht. Sie reicht nicht für mehr als eine Nacht an einem Platz, sie reicht nicht zum Nichtstun, sie reicht nicht von vorne bis hinten, stets bleibt ein schlechtes Gewissen. Und während die Fahrt mit dem Schiff einen so wunderbar zum Innehalten zwang, sind die Tage hier in meinem kleinen Jetzt so schnell, so voll, der Schalter stets auf High Speed, und ob das gut ist, darüber lässt sich streiten; in erster Linie steht man sich doch selbst im Weg. 

Und das sonderbare ist: Je länger ich unterwegs bin, je weiter ich von zu hause entfernt bin, desto näher rückt alles  zusammen; Amerika, Deutschland, Deutschlands Geschichte, damals, heute, und während früher Heimat allenfalls ein abstrakter Begriff war, lässt mich das Thema jetzt nicht mehr los.

Heimat. Was ist das überhaupt? Ein Gefühl? Eine Sehnsucht? Warum wissen die einen, wo sie hingehören, während die anderen Zeit ihres Lebens verzweifelt danach suchen? Ist Heimat etwas, das nur wenigen vorbehalten ist? 

Gestern beim täglichen Caeser-Salat traf ich im Restaurant auf eine Kellnerin aus Bayern. Mit 18 Jahren war sie wegen der Liebe in die USA gegangen, das liegt jetzt 25 Jahre zurück. Alle drei, vier Jahre fährt sie, wie sagte, „nach hause“; sie sagte es genauso so: "nach hause". Ich kenne viele Leute, die ihren Geburtsort nie verlassen haben, ich kenne viele Leute, die den Platz, an dem sie leben, als den schönsten Ort der Welt bezeichnen - und dabei ist egal, wo dieser Fleck liegt; in einem Industriegebiet, in einem Wald, in einem Dorf, in einer Stadt, in Amerika, in Deutschland. 

Als ich in Maeystown, der kleinen hübschen Gemeinde im unteren Illinois, mit John, dem Champignon-Zücher, über das Thema sprach, sagte er: „Home it’s magic. It's a feeling; a place where all cares are forgotten about, where one really lets go." 

Wahrscheinlich ist das so. 

Minnesota - aus der Mitte entspringt ein Fluss

Eine Reise durch den Mittleren Westen gleicht einem Déjà vu. Die Landschaft wiederholt sich, die Geschichten wiederholen sich; es ist, als wäre man in einer Zeitschleife gefangen; ich meine es wertfrei. Einerseits hat das natürlich mit der Tatsache zu tun, dass ich mich auf dem einen Breitengrad wie auf einem unsichtbaren Seil durch die USA bewege - andererseits waren es eben genau jene Siedler, denen ich folge,  die den  "corn belt" erst erschaffen haben, und nun streckt er sich von Ohio bis nach Missouri, von Wisconsin bis nach Iowa - und hält einen gefangen.

Allerdings, und jetzt kommt das große aber: Sobald man sich auch nur ein Stück abseits bewegt - in den Norden, in den Süden - noch tiefer in den Westen; plötzlich wird dann alles anders: Die Landschaft bricht auf, der Mais, der eben noch auf den Feldern stand, verschwindet, und an seiner statt wachsen wunderbare Wälder, und das aktuell in Farben, die einen für einen Moment vergessen lassen, dass mit ihnen das große Ende beginnt. In Schönheit sterben heißt es dann wohl. 

Einen wohltuenden Kontrast zu all dem soy und corn bietet die Region um den Lake Itasca im Norden des Landes, und der gleichnamige National Park ist eine Offenbarung. Fährt man am frühen Morgen zum See, hat man die Momente für sich allein. Hier nun auch beginnt das Herz des Mississippis zu schlagen, hier aus den naheliegenden Sümpfen wird er gespeist, wird er geboren, und von hier windet er sich weiter durch Minnesota, weiter durch Illinois, durch Missouri, durch Kentucky, durch Arkansas, durch Tennessee, durch Mississippi, durch Louisiana, weiter, immer weiter, bis er irgendwann in den Golf von Mexiko mündet. Gute Reise.

Der Aufstand von New Ulm

Wer sich mit der deutschen Siedlergeschichte beschäftigt, kommt an New Ulm in Minnesota nicht vorbei. Der Ort wird umschlungen von Minnesota River und Cottonwood River, die Straßen schieben sich über hübsche kleine Hügel; im Winter lässt sich gut darauf rodeln.

1854 hatten deutsche Siedler die Stadt gegründet, die meisten von ihnen kamen hauptsächlich aus Baden Württemberg, daher auch der Name - in Anlehnung an Ulm. Das Gebiet grenzte damals an die Jagdgründe der Sioux, und während man lange Zeit quasi einvernehmlich miteinander lebte, eskalierte irgendwann die Situation. Die Sioux hatten einen Großteil ihres Landes an die Regierung verkauft, und laut Absprache bezogen sie dafür in einen schmalen Streifen am Minnesota River; im Gegenzug wurden sie mit Lebensmitteln und Geld versorgt. Das ganze Konzept funktionierte allerdings nur bis 1862, aufgrund des Bürgerkrieges wurden die Lieferungen dann eingestellt, die Indianer hungerten, sie wollten ihr Recht, es kam zu einem Aufstand. Am Ende starben 800 Menschen  - die meisten waren deutsche Siedler, die meisten waren aus New Ulm, die Stadt war nahezu zerstört. Das Ereignis brannte sich in das Gedächtnis der Bewohner; und im Jahr 1897 errichteten sie in Verbundenheit zu ihrer Heimat das Herman Heights Monument - nachempfunden dem Hermannsdenkmal im Teuteburger Wald. 

Zum Aufstand von New Ulm gibt es aktuell im Ort eine sehr sensibel aufbereitete Ausstellung; Schuldzuweisungen fehlen, man weiß um Ursache und Wirkung. 

Kurz-Porträts

Der Stifter

Seine Visitenkarte ziert eine kleine Zeichnung, ein Männchen mit im Wind stehenden Haaren, dazu ein fröhliches Lachen, ein wacher Blick. George L. Glotzbach ist gut getroffen, seine Persönlichkeit umrissen in wenigen Strichen. Glotzbach ist New Ulms heimlicher Bürgermeister: Kaum ein Verein, in dem er nicht Mitglied ist, kaum eine Veranstaltung, der er nicht vorsitzt,  im vergangenen Jahr wurde vom städtischen Tourismus-Büro zur "Person of the year!" ernannt, im Stadtarchiv lagern unter seinem Namen einige Ordner, man könnte also sagen: er hat es geschafft. Nur, nicht allein sein Wirken reicht weit, es ist auch seine Familiengeschichte: Sein Ur-Ur-Urgroßvater väterlichseits war einst im Böhmer Wald aufgewachsen, dessen Sohn zog es in die Ferne, und hier nun im Brown-County im unteren Zipfel Minnesotas begann die deutsch-amerikanische Familien-Geschichte, seine Familien-Geschichte. Und auch von der anderen Seite des Familienstammes zog es einen jungen Mann von Europa nach Amerika, 1846 war das; aus Preußen wanderte er ein; und die Wege der Familien kreuzten sich, George L. Glotzbach ist ihr Erbe. Und weil ihm das wichtig ist, kennt er all die Details auswendig, im Gespräch lässt er die Daten aufmarschieren, die Namen, die Orte; es bleibt kaum Pause zum Luftholen, Geschichte im Sekundentakt. Dem jungen Mann aus Preußen, Glotzenbachs Ur-Ur-Großvater, war kein großes Glück in der neuen Heimat beschieden; er ertrank im Cottonwood River und hinterließ Frau und fünf Kinder. Ihm zu Ehren und "all the intreped Pioneers of New Ulm and Brown County" widmete sein Ur-Ur-Enkeln einen Park, er ist im Herzen von New Ulm gelegen.

Der Professor

Auch ein Mann aus Minnesota und mit deutschen Wurzeln: Lavern Rippley.  Er war 50 Jahre Professor of German am St. Olaf Collage in Northfield, dem Ort übrigens, in dem Jesse James seinen letzten Banküberfall verübte. Rippley hat etliche Bücher zum Thema "Deutsche-Amerikanische Geschichte" geschrieben, er hat darüber habilitiert. Gerade wurde er pensioniert, und dass das Thema ihn bis heute umtreibt, das liegt natürlich auch seiner eigenen Biographie:  Der Urgroßvater war 1855 aus dem Badischen ausgewandert; mit dem Schiff über Frankreich, von dort nach New Orleans den Mississippi hoch bis nach Wisconsin. Lavern erinnert sich noch gut an die Zeit, als sein Vater und seiner Großvater Deutsch miteinander sprachen, und als er auf einer seiner Studienreisen seinen Vater mit nach Deutschland nahm  - "sprach er so, als wäre er dort aufgewachsen". "Die Leute wunderten sich, wie gut er den alten Dialekt beherrschte; es war alles in ihm konserviert." Und auch wenn Rippley selbst das Thema "German Americans" nie losgelassen hat; in der eigenen Familie war die Geschichte nie Gesprächsstoff. 

Kurz-Interview

Was hat Sie bei Ihren Recherchen zu deutsch-amerikanischen Geschichte am meisten überrascht? 

Dass so viele Deutsche gekommen waren. Mehr als die Hälfte der Einwanderer von Minnesota, 60 bis 80 Prozent,  etwa haben deutsche Vorfahren. Man behauptet immer, sie wären aus Skandinavien, aus Norwegen, aber das ist eine Legende, fast alle sind hier in Minnesota deutsch. Aus dem preußischen Deutschland kamen damals beinahe zwölf Millionen nach Amerika.

Und wie haben sie das Land verändert? 

Oh, das ist schwer zu sagen. Mit dem ersten Weltkrieg war die deutsche Sprache verboten worden, alles Deutsche wurde verboten, in Minnesota, Nebraska, Wisconsin, überall, Redakteure von deutschen Zeitungen wurden vor Gericht gestellt, es waren harte Zeiten, man dachte, wenn man den Menschen verbietet, deutsch zu sprechen, deutsch zu denken, dann gewinnt man den Krieg. Niemand gab damals mehr zu, deutscher Abstammung zu sein. Damit verloren die Deutschen auch ihren Einfluss.

Und heute? 

Interessieren sich viele für ihre Vergangenheit. Und interessanterweise ist man immer stolz darauf, wenn man deutsche Vorfahren hat. Der Stand der Deutschen heute ist sehr stark und positiv. Man ist lieber Deutscher als Franzose oder Engländer; man ist stolz darauf, Norweger oder Schwede zu sein, am besten aber ist es, deutsch zu sein. Das ist schon enorm.

Warum ist das so? 

Das Land hat wirtschaftlichen Erfolg, dazu die Musik, zum Teil die Literatur. Und Angela Merkel hat das Bild sehr verändert. Man schätzt sie hier sehr.

 

 

 

"Man hatte völlig vergessen, wo kam der Großvater oder sogar der Vater her."

Der Historiker

Die "Northfieldnews" überschrieben ein Porträt über ihn mit den Worten: "A star in America: A German connection": Joachim Reppmann, den alle nur Yogi nennen, hat es weit gebracht; von Flensburg an der Förde bis nach Northfield in Minnesota, und von dort bis in die Nachrichten, Reppmann ist so etwas wie eine personifizierte Völkerfreundschaft. Als Student bereiste der Deutsche den Mittleren Westen; entstanden daraus ist eine Liebe fürs Leben und ein Thema fürs Leben: deutsche-amerikanische Geschichte, mit dem Schwerpunkt auf 1848. Wer Reppmann in seinem Haus in Northfield besucht, muss nicht lange nach der richtigen Adresse suchen; eine Deutschlandfahne auf der Terrasse weist den Weg, innen sitzt ein Mann, dessen norddeutscher Dialekt sich nach all den Jahren in den USA nicht verändert hat; er sagt "moinmoin" zu Begrüßung und "machet jut" für "Auf Wiedersehen". Wie auch Lavern hat der Historiker etliche Bücher zum Thema deutsch-amerikanische Geschichte  geschrieben, regelmäßig organisiert er  Konferenzen, hält Vorträge, führt Interessierte durchs Land, verschickt im Minutentakt Newsletter, und Gerechtigkeit ist ihm wichtig. "Leben ist geben und nehmen", das sind so seine Sätze. Seit 20 Jahren lebt er nun in den USA; dieses Jahr bekamen er und seine Frau Gitta die Greencard. " Sein Verhältnis zu den USA? "Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt."

 

Tipps

  • Jogi Reppmann hat auch eine Webseite. Mehr dazu hier:http://www.moin-moin.us
  • Lavern Rippley hat einige Bücher geschrieben; darunter "German Americans (The immigrant heritage") - erhältlich via Amazon 

 

 

Momente